Sehr lange war Archaeopteryx das einzige vollständig bekannte Taxon, um den Ursprung der Vögel zu erklären. Man könnte sagen: Der bayerische Urvogel zeigte uns, woher die Vögel kommen; die chinesischen Urvögel machten deutlich, welchen Weg sie nahmen. Auch mit der wachsenden Erkenntnis, dass die gefiederten Raubdinosaurier mehrfach das Fliegen lernten, bestätigt sich Archaeopteryx als der beste Beleg für genau jene Abstammungslinie, die tatsächlich zu den modernen Vögeln führte und bis heute fortbesteht.

Zweifellos war Archaeopteryx flugfähig, aber kein Akrobat, gebaut für Flüge über den Ozean. Und doch war seine gesamte Umwelt vom Meer geprägt. Im Oberjura lag der Meeresspiegel weit höher als heute und überflutete den größten Teil Süddeutschlands. Die Funde aus den Plattenkalken der südlichen Frankenalb stammen aus Ablagerungen im Flachmeer, einer Karbonatplattform mit fleckenhaften Riffen. Je nach Meeresspiegel lag die nächste größere Landmasse etwa 100 Kilometer entfernt: die Böhmische Insel im Osten, das Rheinische Massiv im Westen. Kleine und erdgeschichtlich kurzlebige Inseln im Schelfmeer dazwischen sind das Ergebnis von Riffwachstum und anschließendem Absinken des Meeresspiegels. Fiel ein Riff trocken, blieb ein nackter, poröser Kalkstein zurück, der nicht nur unmittelbarer Verwitterung ausgesetzt war, sondern sich mit jedem Monsunregen auch mit Süßwasser vollsaugen konnte.

Was vom Festland über das Meer trieb, ging meist in den Weiten der Tethys zugrunde. Oder es landete durch einen Glücksfall auf einer solchen jungen Insel. Die ersten Zapfen, die an Land gespült wurden, wuchsen bald zu einer Oase für Landlebewesen heran und boten Schatten und Nahrung. Die verschiedenen Flugsaurier brauchten festen Boden nur für ihre Schlaf- und Nistplätze. Die Nahrung, die sie aus dem Meer holten, wurde an manchen Stränden zu Dünger. Sobald sich dank Treibgut und Flora eine Insektenfauna etablierte, hatten auch Reptilien eine Überlebenschance. Sie kamen auf natürlichen Flößen an, etwa wenn ein Sturm auf dem fernen Festland einen Wurzelstock vom Ufer losriss. Auf solchen Gefährten gerieten kleine Krokodile, Echsen und Dinosaurier in Seenot, von denen manche gelegentlich Rettung auf den Inseln fanden. Der Lebensraum des Archaeopteryx war geboren!

Auf den umgebenden Meereslebensraum hatte das allerdings wenig Einfluss. Die Inseln waren klein und wurden nach kurzer erdgeschichtlicher Zeit abgetragen oder vom wieder steigenden Meeresspiegel überflutet. Die Dynamik von Strömungen und Riffwachstum wirkte weit stärker. Die wunderbar erhaltenen Plattenkalk-Fossilien stammen aus Bereichen, die vom Sauerstoffaustausch abgeschnitten waren. Die uns bekannten Archaeopteryx-Fossilien trieben einst als Leichnam über einer solchen Stelle in der Nähe einer Insel, die sie zuvor bewohnt hatten. Auf den Meeresboden gesunken, blieben sie von Aasfressern unbehelligt, weil die reiche Fisch- und Krebsfauna auf die oberen Wasserschichten beschränkt war. Nur wo das Wasser noch flacher war oder eine unmittelbarere Verbindung zum offenen Meer bestand, gediehen Seesterne, bodenlebende Knochenfische und laufende Krebse.

Insgesamt ist die Fauna so vielfältig, dass sich die Ökologie des Oberjura nirgends gründlicher untersuchen lässt als in diesem „Solnhofener Archipel“. Fische aller Größen und Arten, Tintenfische, Ammoniten, Seesterne, Seelilien und Seeigel, Quallen, Pfeilschwanzkrebse. Nicht zu vergessen die Meeresreptilien wie Ichthyosaurier, Pleurosaurier, Pliosaurier und Teleosaurier, alle vier mit unabhängiger Abstammung von Landreptilien.

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