Das ganze Konzept, für Organismengruppen Ränge festzulegen, ist längst gescheitert. Woher soll der Unterstamm der schalentragenden Weichtiere (Conchifera) wissen, dass er denselben Grad an Ähnlichkeit und Verschiedenheit umfasst wie der Unterstamm der Wirbeltiere (Vertebrata)?! Wir stehen vor dem systemischen Problem, dass sich Ähnlichkeit nicht messen und nicht einmal annähern lässt, weil Merkmale sich letztlich weder zählen noch als gleichwertig voraussetzen lassen. Und doch ist die Bedeutung einer Gruppe manchmal so eindeutig, dass ihre Einheit mehr ist als ein bloßer Sammelbegriff. Der herausragende Erfolg der Gliederfüßer (Arthropoda) beruht auf einer Anatomie und Physiologie, die sie anderen „Stämmen“ tatsächlich überlegen macht. Dieser Status dürfte seit mehr als einer halben Milliarde Jahren unverändert bestehen – also fast über die gesamte Geschichte des vielzelligen Lebens seit der kambrischen Radiation vor rund 540 Millionen Jahren.
Verlässliche Schätzungen der Artenzahl können wir nur für die Gegenwart geben. Danach sind die Gliederfüßer der klare Sieger mit über 80 Prozent aller Tierarten. Die Hauptlast tragen natürlich die Insekten mit weit über einer Million Arten. Ihre Flugfähigkeit verschafft ihnen einen enormen Vorteil, zumal Gliederfüßer bis auf wenige Ausnahmen klein sind. Manchem mag das wie ein Nachteil erscheinen, schlicht weil wir Menschen selbst eine recht große Art sind und uns vom Auftreten der Elefanten oder eines T. rex beeindrucken lassen. Das Außenskelett setzt der Fähigkeit vieler Tierarten, das eigene Körpergewicht zu tragen und dabei beweglich genug zu bleiben, jedoch biomechanische Grenzen. Handtellergroße Käfer sind deshalb bereits Riesen und nahe an der Grenze des Möglichen, jedenfalls an Land. Genau dieser Umstand weist den Gliederfüßern aber eine ökologische Rolle zu, in der sie erheblich mehr Individuen hervorbringen und letztlich mehr Biomasse ausmachen als etwa die Wirbeltiere. Dazu kommen erhöhte Evolutionsraten, große Widerstandsfähigkeit und ähnliche Faktoren – dann ist alles klar. Wir leben auf einem Arthropoden- oder Insektenplaneten. Krabbeltiere bilden den vorherrschenden Bauplan im Tierreich, gerade weil sie keine empfindlichen Großakteure sind.
In der bildlichen Darstellung sind Gliederfüßer ein schwieriger Fall, besonders in der Paläo-Illustration. Einerseits lassen sich gut erhaltene Fossilien kaum rekonstruieren, ihr äußeres Erscheinungsbild liegt nämlich fest, sobald das Außenskelett eines Körpers oder Organs gut überliefert ist. Andererseits ist diese hohe Präzision ziemlich anstrengend. Jedes Segment hat eine feste Form und Lagebeziehung zu den benachbarten Panzerteilen. Auch die Positionen der Borsten sind oft genau bestimmt, ebenso die Facettenaugen oder – und jetzt sprechen wir von sichtbaren, hoch diagnostischen Merkmalen – die Flügeladerung, die Kiemenborsten, Klauen und Haken an den Beinen. Anders gesagt: Es ist nicht ganz so einfach wie bei einem wabbeligen Tintenfisch oder einem fossilen Reptil, wo Abweichungen und Spielraum für die Vorstellungskraft die Aufgabe erleichtern.
Zu meinem Glück ging es bei diesem Auftrag um rezente Gliederfüßer, ich konnte also exakte Vorlagen verwenden. Trotzdem wollte ich keine bloße Nachzeichnung von Fotos abliefern. Das Ergebnis kann sich sehen lassen, und die von Hand ausgeführte Strichzeichnung vermittelt das Roboterhafte der Gliederfüßer recht schön. Was haben wir also hier: ein Taschenkrebs, ein Schmetterling, eine Laubheuschrecke, ein Skorpion, ein Skolopender, eine Libelle, ein Tausendfüßer, ein Laufkäfer, eine Gartenkreuzspinne, ein Flusskrebs und schließlich die Honigbiene als Sinnbild dafür, welche Bedeutung sie auch für uns Menschen hat. Denn wenn Umweltschützer darauf hinweisen, dass wir ein Insektensterben auslösen (und das ist so eindeutig ausschließlich menschengemacht!), wie es seit dem Niedergang der großen Dinosaurier kein Aussterben mehr gegeben hat, dann ist das keineswegs übertrieben. Seit der frühen Kreidezeit sind bestäubende Insekten für die Ökologie an Land so unentbehrlich, dass ihre Krise alles verschärfen könnte, was zum Klimawandel diskutiert wird. Und wo wir dabei sind: Viele Gliederfüßer werden vom Klimawandel durchaus profitieren, nur eben nicht unbedingt die, die wir mögen.



