Apolithabatis seioma heißt genau das: gesprengter Geigenrochen. Das einzige bekannte Exemplar dieser neuen Rochenart wurde tatsächlich bei einer Sprengung entdeckt. Es handelt sich um ein außergewöhnlich gut erhaltenes Weibchen, erkennbar am Fehlen der Klaspern, der paarigen Begattungsorgane an den Bauchflossen. Knorpelfische pflanzen sich über innere Befruchtung fort, weshalb sich vollständige Skelette unmittelbar einem Geschlecht zuordnen lassen.
Dass überhaupt vollständige Fossilien gefunden werden, ist keineswegs selbstverständlich. Denn die Skelette der Chondrichthyes bestehen aus Knorpel, nicht aus Knochen. Nach dem Tod zerfallen sie leichter in Einzelteile, und diese Skelettelemente lösen sich auf. Selbst wenn sie im Alter verkalken, sind vollständige Wirbelsäulen oder gar ganze Skelette äußerst selten. Die häufigsten Überreste von Knorpelfischen sind ihre Zähne oder die anatomisch zahnähnlichen Hautschuppen.
In den Kalksteinen des Altmühltals in Bayern finden sich einige vollständige Rochen aus dem Oberjura. Das ist bedeutsam, denn Rochen sind erst ab dem Jura bekannt. Wir blicken also auf ein frühes Kapitel ihrer Evolution – auch wenn sie sich zu diesem Zeitpunkt offenkundig bereits zu vollständig erkennbaren Rochen entwickelt hatten. Sie wurden auf dem Meeresboden von kalkigem Sediment recht zügig eingebettet, begünstigt vor allem durch das weitgehende Fehlen von Aasfressern. Denn diese feingeschichteten Kalke entstanden unter sauerstoffarmen Bedingungen, die für die üblichen Verwerter wie Fische oder Krebse Erstickung bedeutet hätten. Der eigentliche Lebensraum der Rochen waren die noch flacheren, sauerstoffreichen Schlammflächen zwischen den Riffen.
Früher wurden die Jura-Rochen zu den Geigenrochen gestellt, zu denen auch die heutigen Rhinobatiden gehören. Das erscheint einleuchtend, nicht zuletzt wegen der gemeinsamen dreieckigen Kopfform (tatsächlich bestimmt eher der Flossenrand die Kontur, also die extrem vergrößerten Brustflossen). Die Erstbeschreibung von Apolithabatis und die Analyse seiner Verwandtschaftsverhältnisse zeigen jedoch, dass die Jura-Rochen eine eigene Gruppe bildeten, die Apolithabatiformes. Das bedeutet erstens, dass sie keine Rochen im engeren Sinne sind – jedenfalls keine der Kronengruppe –, sondern Vertreter der Stammgruppe. Und zweitens, dass sie in vieler Hinsicht das ursprüngliche Erscheinungsbild der Rochen verkörpern, also jener modernen Kronengruppe, die auch fossil bis in die Kreidezeit zurück belegt ist. Die äußere Ähnlichkeit mit den echten Geigenrochen dürfte damit ursprünglich sein.
Das heißt nicht, dass die Apolithabatiformes in ihrer gesamten Abstammungslinie Vorfahren der Rochen wären. Diese sind nach wie vor nur durch Zähne und Schuppen belegt, was uns nicht verrät, wann und wie die typische Körperform entstand – zu jener Zeit, als sich die Entwicklungslinie der Rochen gerade erst von der der modernen Haie getrennt hatte. Es bleibt also noch viel zu tun, auch an Apolithabatis selbst! Zähne und Schuppen auf diesem sensationellen Fossil zu kartieren, kann uns helfen, die Variation der Schuppentypen innerhalb ein und desselben Körpers zu verstehen.
Letztlich steht Apolithabatis für einen bestimmten Ökotyp: den bodenbewohnenden und am Boden fressenden Knorpelfisch. Dieser war im Oberjura bereits vollständig etabliert, überdauerte den Übergang zur Kreidezeit, fächerte sich anschließend noch weiter auf und überstand mit etlichen Arten sogar das Massenaussterben am Ende der Kreide.



